Leela Fernandes: India’s New Middle Class. Democratic Politics in an Era of Economic Reforms. Minneapolis/London: University of Minnesota Press 2006.
Ob und inwieweit Demokratie bzw. Demokratisierungsprozesse die Reformfähigkeit eines Landes beeinflussen, ist eine der klassischen Fragen der Vergleichenden Politikwissenschaft. Die Frage, welche Auswirkungen wirtschaftliche Liberalisierungsprozesse auf den Zustand bzw. die weitere Entwicklung einer Demokratie haben, wurde hingegen bisher vernachlässigt. Leela Fernandes weist in ihrem Buch „India’s New Middle Class“ auf diese Lücke hin und benennt Indien als ein aufschlussreiches Beispiel, um einen genaueren Blick auf die Beziehung zwischen ökonomischer Transition und demokratischer Entwicklung eines Landes zu werfen.
Im Rahmen des indischen Liberalisierungsprozess entstand eine „Neuen Mittelklasse“. Diese tritt, entgegen der Erwartung westlicher Wissenschaftler, jedoch nicht als klassischer Stützpfeiler der Demokratie auf. Zwar steht die Neue Mittelklasse nicht in Opposition zur Demokratie, sie versucht aber, diese neu zu definieren und traditionell unter ihr stehende Bevölkerungsschichten auszugrenzen. Sie greift dabei auf informelle Strukturen zurück, da sie glaubt, über die klassischen Kanäle keinen Einfluss mehr nehmen zu können und vielmehr dem Wahlverhalten der ihr zahlenmäßig überlegenen „Armen“, aber auch der korrupten Eliten, ausgeliefert zu sein. Die Neue Mittelklasse nimmt eine Neudefinition des Citizenship-Modells vor, deren Ergebnis Leela Fernandes als Consumer-Citizenship bezeichnet. (Mehr zu dem Thema folgt in Kürze.)
Leela Fernandes sieht in diesem Bereich weiteren Forschungsbedarf, u.a. bezüglich der Frage, wie die Neue Mittelklasse im Einzelnen auf verschiedene Policy-Maßnahmen reagiert und welche Auswirkungen das veränderten Verhältnis zwischen Staat und Mittelklasse auf die Dynamik der wirtschaftlicher Transition hat.

Weitere Informationen zum aktuellen Aufstand der indischen Mittelklasse findet ihr hier:
Frankfurter Rundschau: “Aufstand der Mittelklasse”
und auch in der ZEIT
“Die weiße Rebellion. Indiens Mittelschicht will sich nicht mehr von einem korrupten Staat regieren lassen.”
Wie es aussieht, war der Hungerstreik Anna Hazares erfolgreich. So hat die Regierung die Umsetzung härtere Anti-Korruptions-Gesetze zumindest versprochen, was letztlich daraus wird, bleibt abzuwarten. Interessant finde ich, dass die Berichterstattung in der FR und der Zeit ein durchweg positives Bild von Hazare zeichnet. Zwar wird in der FR kurz darauf hingewiesen, dass Hazares Vorschläge z.T. undemokratisch sind und er z.B. den Tod durch den Strang die angemessene Strafe für Korruption findet (“Gandhi-Erbe kämpft gegen Korruption”), dies scheint aber nicht weiter zu stören. Wobei man der FR zugute halten muss, dass sie Arundathi Roy zu Wort kommen lässt, die Hazare scharf kritisiert. (“Das ist kein neuer Gandhi”) Obwohl auch sie die bisherigen Anti-Korruptionsgesetze kritisch sieht, weißt sie darauf hin, dass Hazare die wirklich drängenden Probleme Indiens, wie die massenhafte Selbsttötung von Bauern, außer Acht lässt. Auch wirft sie ihm vor, in der Vergangenheit durch fremdenfeindliche Parolen aufgefallen zu sein. Dieser Aspekt wird insbesondere im Artikel der Zeit vollkommen übersehen.
Interessant! Der Ghandi-Vergleich in der ZEIT allein reicht ja bereits aus bei uns positive Assoziationen hervorzurufen.
Ich finde spannend, was gerade in unterschiedlichen Ländern innerhalb der Mittelschichten passiert. Ein Artikel zur chinesischen Mittelschicht aus der FAZ versucht eine Analyse über die Hintergründe der bisherigen politischen Zurückhaltung dieser Schicht. Und überlegt, warum sich dies ändern könnte:
“Niemand ist immun. Die chinesische Mittelschicht beginnt zu protestieren.”
Weiß jemand mehr zumThema?
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